Der Macher und Organisator
Leo Rayer gehörte zu der Gruppe der Menschen, die als 18 jährige 1944 noch in den Krieg ziehen mussten. Die Jahre der Jugend mit Ausgelassenheit und Freude war ihnen genommen. Auch nach dem Krieg war es nicht einfach sich in das Leben hinein zu finden. Im letzten Kriegsjahr wurde Leo Rayer an die Front geschickt. Als 18-jähriger Offiziersanwärter wurde er in einer Infanteriedivision eingesetzt. Schon bald danach geriet er im Hürtgenwald in amerikanische Gefangenschaft aus der er unmittelbar danach wieder floh. Im Januar 1945 wurde er - halb erfroren - wieder festgenommen und in ein amerikanisches Lazarett bei Reims (Frankreich) eingeliefert. Hier erklärte ihm eine junge Army-ärztin, grinsend, "Good morning, you little Nazi-Boy, your war is over". Der Krieg war aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorbei. Leo Rayer wurde noch nach England in ein Lazarett verlegt. Er ärgerte dort die Amerikaner so, dass sie ihn kurzerhand in ein Gefangenenlager verlegte. Dies waren wenige Tage vor seiner geplanten Fußamputation. Vielleicht war dies sein Glück; denn bis zu seinem Tode 2008 hatte er beide Füße und hatte keine Beeinträchtigungen. In dem Gefangenlager wurden ihm aber die erfrorenen Zehen ohne Narkose abgebrochen! Nach der Entlassung aus der amerikanischen Gefangenschaft zog es ihn zurück in seine Heimat bei Koblenz. Dort wäre er beinahe wieder in Gefangenschaft geraten, wenn ihm nicht ein französischer Militärarzt geholfen hätte. Es war in dieser Zeit üblich, dass die Franzosen entlassene Häftlinge aus der amerikanischen Gefangenschaft wieder festnahmen und sie nach Frankreich deportierten um dort zu helfen die Schäden des Krieges zu beseitigen. Der Französische Militärarzt bewahrte ihn vor einer erneuten Gefangennahme dadurch, dass er ihn in seinem Auto, versteckt unter einer Decke, von einer Rheinseite über eine schwer bewachte Brücke, auf die andere Rheinseite brachte. Im Frühjahr 1948 fuhr Rayer illegal nach Südfrankreich um auf eigene Faust das Schicksal seines vermissten Bruders aufzuklären. Als dies zu gefährlich wurde, kaufte er sich in Marseille eine Bahnsteigkarte um Zugang zu den abfahrenden Zügen zu haben. Er wollte zurück nach Deutschland. Bewusst stieg er in einen Zug ein, der in Richtung Spanien fuhr. In dem überfüllten Zug mit französischen Soldaten hatte er die Hoffnung, dass die Polizei diese Züge nicht kontrollierten. Die Fluchtrouten der deutschen Kriegsgefangenen lagen in die andere Richtung. Er dachte, dass die Heimkehr über Spanien nach Deutschland eher möglich wäre. Von Perpignan aus marschierte er auf Schleichwegen zur spanischen Grenze. Dort angekommen stellte er sich einem spanischen Grenzposten in der Hoffnung nach Deutschland ausgeliefert zu werden. Doch die Hoffnung war zu Nichte, als er für 16 Monate in ein Internierungscamp für Franco-Gegner kam. Erst auf Veranlassung der alliierten Kontrollkommission in Madrid wurde er nach Deutschland entlassen. Rayer gehörte zu den ersten Soldaten, die im Januar 1956 in Andernach in die Bundeswehr eintraten. Ich lernte Leo Rayer kennen, als er mein Kompanie-Chef bei der Stabskompanie der Brigade 26 (heute Saarlandbrigade) war. Es war die Zeit, in der die Soldatenmannschaft "Rote Jäger" gegründet wurde.
Die alten "Roten Jäger" der Wehrmacht
Den Ursprung der "neuen" Rote Jäger ist auf eine Initiative des Luftwaffenoffizier Oberstleutnant Herman Graf zurück zu führen. Hermann Graf zog bekannte Fußballspieler in einer gruppe zusammen, die als "Rote Jäger" während des Krieges Freundschaftspiele austrugen. Zahlreiche Nationalspieler wie Fritz Walter, Alfons Moog, Hermann Eppendorf und Franz Hanreiter waren aktive Mitspieler, die dadurch zeitweise von einem Fronteinsatz verschont blieben. Auch Hermann Graf, der Begründer spielte als aktiver Torwart in der Mannschaft. Selbst Reichstrainer Sepp Herberger vermittelte Spieler zu Graf, um diese vor dem Kriegseinsatz zu schützen. Als das Geschwader dann aber an die Ostfront verlegt wurde, wurden die Roten Jäger nicht mehr vom Krieg verschont. Vom 4. August 1943 (Eintracht Frankfurt - Rote Jäger 1:5) bis November 1944 absolvierten die Roten Jäger 25 Spiel. Darunter auch Spiele gegen die Nationalmannschaft von Ungarn.
Die "Roten Jäger" der Bundeswehr
Das gab es bei der Bundeswehr nur in der Luftlandebrigade 26: Eine Mannschaft, die über viele Jahre hinweg deutsche Fußballgeschichte mitgeschrieben hat. Die "Roten Jäger" der Stabskompanie traten die Nachfolge jener berühmten Soldaten- Elf aus dem Zweiten Weltkrieg an, zu der der spätere Weltmeister Fritz Walter gehörte. Walter, durch den WM-Erfolg 1954 in der Schweiz zum Volkshelden der Nachkriegsdeutschen geworden, ist Ehrenspielführer der "Roten Jäger". Zu der Fallschirmjäger - Mannschaft gehörten so berühmte Kicker wie die Nationalspieler Felix Magath (HSV), Wolfgang Seel (Fortuna Düsseldorf) oder Heinz Simmet (1. FC Köln). Auch Andreas Brehme von den Roten Teufeln vom Betzenberg kickte im Fallschirmjäger-Team. Neugegründet wurden die "Roten Jäger" mit dem Brigadewappen auf dem Trikot, als die Luftlandebrigade 26 in Zweibrücken stationiert war. Kompaniechef Hauptmann Leo Rayer hatte die Idee dazu - eine "geniale PR-Aktion für die Bundeswehr", würde man heute sagen - und setzte sie gegen viele Widerstände durch. Am 21. Mai 1965 fungierten Fritz Walter und Box-Europameister Karl Mildenberger als Taufpaten der neuen "Roten Jäger". "Mit einem Auftaktspiel gegen den Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern, in dessen Reihen damals noch WM-Stopper Liebrich spielte, erfolgte auf dem TSC-Sportplatz am Wattweiler Berg die Wiederaufnahme des Spielbetriebs", weiß der Journalist Walter Rinner zu berichten, ein langjähriger treuer Wegbegleiter der Roten Jäger. "Die neugebildete und von Hauptmann Rayer trainierte und betreute Elf erspielte sich auf Anhieb die Sympathien der Zuschauer, als nach packendem Verlauf der Bundesligist, mit drei Ausnahmen in Bestbesetzung, mit 2:0 besiegt wurde. Mittelstürmer Jürgen Wingert vom Ludwigshafener SC erzielte beide Treffer." Einmal, im Juni 1966, spielte der damals 45jährige Fritz Walter sogar selbst im Trikot der Fallschirmjäger-Elf. In Cölbe bei Marburg wurde der Hessenliga-Verein SV Petersberg unter Walters Mithilfe mit 4:1 geschlagen. Aber auch gegen größere Namen bewährten sich die Kicker mit Truppenausweis: 3:1 gegen den VfB Stuttgart, 4:1 gegen Rot-Weiß Essen oder 3:4 gegen die Bayern (mit einem staunenden Franz Beckenbauer), so lauteten einige der Ergebnisse. Vor 35.000 Zuschauern (!) unterlag die Soldatenelf im August 1965 in Pocking/Niederbayern dem TSV 1860 München unglücklich mit 1:2 - damals waren die Sechziger unter Max Merkel immerhin amtierender deutscher Meister. Keine Frage, die Soldaten in Fußballschuhen hätten ohne weiteres in den höchsten Spielklassen mithalten können. "Die Roten Jäger bestätigen meine eigene Erfahrung: Ein fairer Sportler, bekennt er sich zur Notwendigkeit des Wehrdienstes, ist auch ein guter Soldat", hatte Kommandeur Brigadegeneral Herbert Hagenbruck zum 20jährigen Bestehen der Elf im Jahr 1982 festgestellt.
"Wo die Roten Jäger mit dem Fallschirm auf knallrotem Dreß auftauchten, da brauchte um das Image der Bundeswehr nicht gezittert werden. Es gab nur Pro-, keine Kontra-Demonstrationen. Beispielhafte öffentlichkeitsarbeit, in Szene gesetzt von fußballbesessenen Offizieren", erinnert sich Wolfgang Weber, heute Redakteur der Saarbrücker Zeitung, seinerzeit Gefreiter in der Stabskompanie, der die Historie der Soldaten-Kicker dokumentierte. "Schon damals weitgehend aus Vertrags- und Lizenzspielern renommierter Vereine aus dem südwestdeutschen Raum gebildet, trugen die Spieler ihre Uniform wie jeder andere Rekrut, wurden in der Grundausbildung nicht geschont, mussten die Nasen in den Dreck stecken wie Tausende andere vor und nach ihnen." Erst in der Stabskompanie hätten die Fußballer gewisse Privilegien bekommen, wie einen freien Nachmittag für das Training beim Stammverein. Anderen Quellen zufolge waren die Kicker auch von Sonderdiensten wie Wache oder GvD (Gefreiter vom Dienst) ausgenommen, was später zurückgenommen wurde. Es hatte immer wieder für ärger gesorgt, weil die Stabskompanie in erster Linie ihrem militärischen Auftrag nachkommen musste.
Die Fallschirmjägerkameradschaft Fritz Walter
Durch die Verbundenheit von Leo Rayer mit Fritz Walter im Zusammenhang mit den Roten Jägern, war es nicht verwunderlich, dass unsere Kameradschaft nach dem Ehrenspielführer unserer Nationalmannschaft und der Roten Jäger, benannt wurde. Auf dem Bild von links ist zu sehen: Oberbürgermeister der Stadt Zweibrücken Hans Otto Steuber, Otl a. D. Leo Rayer, Fritz Walter, Richard Denger 1. Vorsitzender des SVN und Klaus Hecht. Otl a. D. Rayer war gleichzeitig 1. Kameradschaftsleiter der FschJgKam Fritz Walter, Zweibrücken. Weitere Gründungsmitglieder waren, Karl Kuchenbrod, Helmut Stehfest, Ludwig Hennemann, Karl-Heinz Nieweg, Jürgen Lorentzen. Sollte jemand vergessen worden sein, bitte ich dies zu entschuldigen. Leider sind mir keine anderen Unterlagen bekannt. Gerne nehme ich Informationen an (06332 56 61 55)
Der Macher
Als das Organisationskomitee der Olympischen Spiele München 1972 im Frühjahr 1971 einen Organisator für seine Exekutivgruppe suchte, fiel die Wahl auf Leo Rayer. Willi Daume, Komitee-Präsident beantragte beim Verteidigungsministerium die Freistellung für ein Jahr um den "Macher" Leo Rayer als Mitglied seines Organisationskommitee zu bekommen. Rayer wurde als Planungsreferent und Chef der Olympia-Leitzentrale eingesetzt. Willi Daume schrieb ihm einen großen Anteil am Erfolg der olympischen Spiele zu.
Nach seiner Dienstzeit
Im Oktober 1983 wurde Oberstleutnant Rayer nach erreichen der Altersgrenze als Kommandeur des VKK in Landau aus der Bundeswehr verabschiedet. Trotz vieler Versetzungen während seiner Dienstzeit an andere Standorte blieb der gebürtige Koblenzer seiner zweiten Heimat Zweibrücken treu und kehrte dorthin zurück. Der Hang zu Frankreich und die schöne und ruhige Stadt hatten wohl ihr übriges dazu getan. Seine Idee ein neues Tor zur deutsch-französischen Gemeinsamkeit aufzustoßen blieb ihm jedoch versperrt. Leo Rayer tüftelte an einem Objekt, welches die Gemeinsamkeit beider Länder zueinander bringen sollte. Charlemagne ist der Projektname seiner Idee. Die Idee, Mannschaften aus beiden Ländern zusammen zu stellen, in denen in einer Mannschaft Franzosen und Deutsche zusammen spielen. Es sollte eine eigene Liga gegründet werden. Leider kam es nie zu diesem länderübergreifenden Projekt. Wie sagte Leo Rayer noch an seinem 75-jährigen Geburtstag: "Zurzeit sind wir im Marathonlauf durch den Sponsorendschungel, wenn wir da erfolgreich durch sind kann`s losgehen." Wie man heute weiß, kam es nie dazu. Leo Rayer war von 1993 bis zu seiner schweren Erkrankung 2007 der Erste Kameradschaftsleiter der Zweibrücker Kameradschaft. Im Jahr 2007 ernannte die Kameradschaft ihren alten ehemaligen Kameradschaftsleiter zum Ehrenvorsitzenden der Kameradschaft. Kurz vor seinem Tod erhielt Leo Rayer die Goldene Nadel des Landesverbandes der Fallschirmjägerkameradschaft Hessen-Rheinland Pfalz. Wir werden unserem Ehrenvorsitzenden immer ein ehrendes Andenken bewahren.
Sepp Burkholder
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